Blues,  Energie,  Körpergefühl

Pferde und der Emo-Blues

Ich habe lange gegrübelt, ob ich darüber nun schreiben sollte oder nicht. Letzten Endes finde ich es zu wichtig, um es nicht zu tun. Zum einen muss hier eine sehr wichtige Unterscheidung getroffen werden. Es gibt selbstverständlich einen enormen Unterschied zwischen einem „Ich bin heute nicht so gut drauf“-Tag und einer klinischen Depression. Letztere lässt sich ohnehin nur von einem Arzt diagnostizieren, und ich bin ja keiner. Trotz allem möchte ich hier – und nicht nur weil ich muss – nochmal laut empfehlen, mit Verdacht auf Depression eher zu früh als zu spät zum Arzt zu gehen. Das Thema hat so lange mein Leben beeinflusst und mich so lange ausgebremst! Ich verstehe jeden, der nicht „einfach Pillen schlucken“ oder zu „irgendeinem Therapeuten“ rennen will. Soll man ja auch nicht einfach und nur. Aber Depressionen sind ein Kampf. Ein mühsamer, schrecklicher, zehrender Kampf und je mehr Unterstützung man auf diesem Weg bekommen kann, desto besser. Desto weniger muss man sich und sein Umfeld auszehren. Ob man es will oder nicht, das soziale Umfeld trägt glaube ich immer (mindestens) ein bisschen von der Last mit. Das ist ja doch immer ein zusätzlich belastender Gedanke. Der Möglichkeit, sich eine Toolbox (Therapie) zu gönnen, aus der man das Nützlichste für sich mitnimmt, sollte man sich nicht entziehen. Die Diagnose und Behandlung durch einen Arzt lässt sich durch nichts und niemanden ersetzen, nicht einmal durch Pferde 🙂 Alle Tipps in meinen Beiträgen sind also für „gesunde“ Menschen gedacht, alle Anderen klären die Dinge bitte mit ihrem Arzt.

Aber nun zu der Pferdefrage selbst.

Warum mache ich einen Zusammenhang zwischen Pferden und dem Emo-Blues? Im Übrigen nutze ich das Wort hier eben um die vielen winzigen Abstufungen zwischen „Nicht so gut drauf“ und allem, was schlimmer ist, nicht machen zu müssen. Wie schlecht es dir geht, weißt nur du (bzw. dein Arzt).
Die Idee ansich ist ja vielerorts bereits diskutiert. Es ist inzwischen unumstritten, dass folgende Faktoren sich positiv auf die Stimmung auswirken:

  • Bewegung
  • Sozialer Kontakt / Körperkontakt (auch zu Tieren)
  • Frische Luft / Natur

Was fällt auf? Richtig, wer mit Pferden umgeht, hat davon eigentlich alles gleichzeitig. Dazu kommt häufig noch, dass wir uns auf das, was wir da tun, fokussieren müssen, sonst geht Kommunikation mit einem Pferd schnell mal in die Binsen. Dazu kommt: wer regelmäßig in den Stall geht, wird vermutlich Verantwortung übernehmen. Bei mir kam das am Ende durch meine Reitbeteiligung. Selbst wenn mein Blues so langsam beginnt, muss ich zu meiner Verantwortung stehen. Ich muss in den Stall, sonst haben die Pferde nichts zu essen. Dieser Gedanke treibt mich da hin, wo ich hingehöre. Ob ich Lust habe oder nicht. Für mich persönlich ist das ein sehr wichtiges Auffangnetz geworden, damit es bei mir gar nicht erst zu einem heftigen Depressionsschub kommt. Selbst verständlich ist da jeder anders. Für mich persönlich ergeben sich aus der Stallzeit noch einige Aspekte, die mir gut tun:

  • Ich erarbeite mir Kompetenzen (und fühle mich nicht mehr wie eine Nullnummer).
  • Ich teste meine Grenzen – und erweitere sie dabei. Und finde neuen Mut. (Stück für Stück weg vom Angsthasendasein.)
  • Ich entwickle Ehrgeiz. Übung X muss doch zu schaffen sein? (Vor Ehrgeiz hatte ich bisher viel zu viel Angst – es könnte ja was schief gehen, am Ende bin ich zu schlecht für neue Ziele!)
  • Ich bin aus Versehen Teil einer sozialen Gruppe. Das ist für mich mehr als schräg, denn eigentlich hatte ich mir Gruppen abgewöhnt. Nach wie vor würde ich das mit Vorsicht angehen, aber wir haben ein so starkes, positives und vor allem nicht-verurteilendes Team auf dem Hof, dass das bei uns reibungslos funktioniert, egal was man so im Gepäck hat. Dadurch genieße ich diese Kontakte sehr.
  • Ich muss nicht immer sprechen, um zu kommunizieren. Wer mich an guten Tagen kennt, weiß: ich rede wie ein Wasserfall. Ich hüpfe und lache und quatsche so vor mich hin. Nur ganz wenige dürfen auch an meinen richtig „blauen“ Tagen um mich herum sein. Diejenigen wissen dann: Ich kann auch ganz anders. Ruhig. Schweigsam. Mein Pflegepferdchen Tiziano braucht das auch nicht von mir. Mit ihm kann ich über den Körper und wenige Worte kommunizieren. Dies ist vielleicht ein Absatz, den nur „Betroffene“ so wirklich verstehen. Nicht sprechen (=übersetzen) zu müssen und dennoch verstanden zu werden, ist einfach unglaublich viel wert, wenn man mal den Blues hat.
  • Ich bekomme wortlose, ehrliche negative Rückmeldungen. Jetzt werden vielleicht eher Angehörige aufhorchen, die immer mal wieder bei „ihren Depressiven“ gegen eine Wand laufen, weil sie etwas gesagt haben, das derjenige als Kritik aufgefasst hat (obwohl es vielleicht gar nicht so gemeint war). Tiziano kritisiert mich quasi permanent. Na gut, nicht permanent. Aber er gibt doch immer ziemlich sofort Rückmeldung, wenn ich in seinen Augen etwas falsch mache. Da wir erst angefangen haben, miteinander zu arbeiten, passiert das oft. Er sagt das aber eben nicht mit Worten. Ich weiß, dass er, anders als ein Mensch, sich nicht überlegen kann, ob mich sein „Nein“ jetzt verletzt. Manchmal ist es gefühlt auch kein „Nein“, sondern ein „Ich glaub du spinnst!“. Und dennoch sagt er mir das eben auf Pferdisch. Es kann natürlich frustrieren, aber es verletzt mich nicht. Will sagen, der ehrliche Umgang des Pferdes mit mir tut einfach gut. Auch wenn’s höfliche Kritik hagelt. Das könnte sich ein Mensch in meinem Blues nicht erlauben.

Ich denke, so oder ähnlich geht oder ginge es vielen, die sich auf einem Reiterhof oder zumindest in der Arbeit mit Pferden einfinden und sonst eher zu Trübsal oder Selbstwertproblemen neigen. Aus Menschensicht finde ich diese Herangehensweise also absolut empfehlenswert.

Wie aber geht es dem Pferd damit?

Trübselige Menschen neigen ja nicht zuletzt häufig zu sozialem Rückzug, weil sie gerade nicht so funktionieren können, wie sie wollen und vor allem auch sollten (so von außen betrachtet). Sollte er das nicht tun, kann sich das Umfeld zurückziehen.

Ein Pferd kann das nicht. Und sind Pferde nicht dafür bekannt, dass sie sehr feinfühlig auf Stimmungen und Emotionen anderer Wesen reagieren? Ich würde wahnsinnig gern sagen: „Nein, nein, das geht schon in Ordnung. Pferde sind die absoluten Katalysatoren, denen kann man das antun.“ Kann ich leider nicht. Gerade ich nicht, denn ich habe mir ausgerechnet ein Pflegepferd ausgesucht, bei dem das offensichtlich nicht der Fall ist. Man weiß ja, das Pferd spiegelt den Reiter. Oder, wie wir hier sagen „Wie de Herr, so’s G’scherr!“.  Tatsächlich ist das so extrem, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Tiziano krank wird, wenn ich krank werde, recht hoch ist. Hatten wir schon mehrmals. Das klingt jetzt alles etwas spirituell, ist es auch. Dennoch 2 gute Nachrichten:

  1. Unser Energiehaushalt lässt sich von uns positiv beeinflussen. Auch während des Blues.
  2. Nicht jedes Pferd – oh Überraschung – ist gleich.

Was meine ich damit?

  1. Natürlich wird jemand, der heute nicht gut drauf ist, vermutlich nicht genauso viel „positive Energie“ ausstrahlen, wie einer, der heute die Liebe seines Lebens geheiratet hat. Muss er aber auch gar nicht. Es reicht, ein bisschen Verantwortung für das zu übernehmen, was man energetisch so von sich gibt. Es gab Tage, an denen ich so schlecht drauf war, dass ich mich erstmal zum Meditieren gesetzt habe, bevor ich Tizi überhaupt begrüßt habe. Ich hab ihn danach sicherlich noch immer nicht mit meiner Ausstrahlung in Hochstimmung versetzt, aber zumindest konnte er gut mit mir umgehen, weil ich „meinen Mist“ zuhause gelassen bzw. dorthin meditiert habe. So scharlatanmäßig das alles klingt, auch das lässt sich an sensiblen Pferden gut testen: Kommst du schlecht gelaunt hin, dreht es dir den Hintern zu und spaziert gemütlich davon.
    Kommst du schlecht gelaunt hin, nachdem du das gröbste in Ordnung meditiert hast, geht auch das Pferd freiwillig noch mit dir um. Jean-Claude Dysli sagt hier, „liebe dein Pferd!!“ und erklärt, dass das der einzige Weg zum Pferd ist. Eventuell ist das eine Erklärung für das Ganze. Die Meditation bringt mich in die Lage, wieder Liebe zu geben, statt mich zu freuen, dass ich meinen emotionalen Schutt abladen kann.
  2. Das ist kürzer: Es ist wie bei uns, der Eine steckt die Dinge anders weg als der Andere. So ist es auch beim Pferd. Es gibt Pferde, die können Menschen im Blues einfach super wegstecken und „neutralisieren“, andere wiederum – wie Tiziano zum Beispiel – sind da einfach sehr viel sensibler oder schneller energetisch angegriffen.

Wichtig: Es geht ja jetzt auch nicht darum, sich fertig zu machen und lieber zuhause zu bleiben, wenn man schlechte Laune hat. Jeder Mitmensch (na gut, vielleicht nicht jeder, aber manchmal kann man auf solche dann auch verzichten!) versteht, wenn man sich bemüht und nicht weiterkommt und so ist es im Regelfall auch beim Pferd. Stattdessen ist es meiner Meinung nach einfach wichtig, bewusst mit der eigenen Energie und Stimmung umzugehen.

Wie siehst du das? Hast du gar schon Erfahrungen damit gemacht? Schreib’s mir in die Kommentare, insbesondere dieses Thema liegt mir zur Diskussion durchaus am Herzen!

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