Nach der letzten Hofreitstunde bei Kurt Blickensdörfer war ich so begeistert, dass ich mich spontan mit ihm für ein Interview in Verbindung gesetzt habe. Kurt lud mich ein, ihn bei seinen Pferden zu besuchen. Ich sammelte einige Eindrücke – und dann mich, bevor ich das Interview mit ihm führte. Vielleicht liegt es daran, dass ich Horsemanship noch nie direkt vor der Nase hatte, sondern das immer nur im Fernsehen bestaunen konnte. Aber ich bin vollkommen hingerissen. Kurt gibt seinem Pferd Smokin‘ stellenweise Signale, die so fein sind, dass ich sie gar nicht mitbekomme. Davon bin ich schockiert, fasziniert und vor allem inspiriert. Innerlich setze ich einige „relationship goals“ für Tiziano und mich. Kurt arbeitet seit Jahren als Coach und orientiert sich dabei an Pferdemännern wie Pat Parelli, Ray Hunt und Steve Halfpenny, bei dem er während diverser Aufenthalte auf Steves Ranch in Australien selbst gelernt hat. Ich frage nach, was es mit dem Natural Horsemanship denn so auf sich habe.

KB: „Natural Horsemanship ist mittlerweile negativ besetzt. Horsemanship ist Horsemanship, das braucht keinen Zusatz. Oft wird mit viel Druck gearbeitet. Silversand Horsemanship wurde daher unter Anderem deshalb zu „Steve Halfpenny Light Hands Equitation“, weil Steve die Leichtigkeit wichtig ist.

Es gibt seit etwa 10 Jahren eine neue Bewegung die sich der klassischen Reitweise entgegensetzt, in der ganz bewusst Wert auf Leichtigkeit gelegt wird. Wie sieht das Pferd aus, ist es auf der Hinterhand etc.? Das kommt aus dem Westen der USA. Da braut sich grade etwas zusammen.“

C&H: Würdest du dich als Pferdeflüsterer bezeichnen?

KB: „Nein, da bin ich noch weit weg. Manchmal gelingt es mir, da hat man dann so kleine Erfolge…

Er erzählt mir, dass er mal von einer völlig verzweifelten Dame angerufen wurde, weil sich ihr Pferd auch nach 3 Stunden in heftiger Mittagshitze nicht verladen ließ. 2 Minuten habe er gebraucht, um das Pferd zu verladen. „Das war jetzt mal toll.“ Er bleibt ruhig und bescheiden – und strahlt.

C&H: Wie ist so dein typischer Tag?

KB: „Relativ entspannt.“

C&H: Hast du eine Alltagsroutine?

KB: „Ja, schon. Ich guck auch, dass ich bewusst ein paar Sachen reinbringe. Um 6 klingelt der Wecker, halb sieben oder manchmal um 7 bin ich hier und versorge die Pferde, dann fahr auf Achse.

C&H: Je nachdem, wohin du gerade gerufen wirst?

KB: „Ja, genau. Es sind aber auch viele feste Termine. Ich hab auch viel Leerlauf zwischendrin, manchmal auch viel Fahrerei. So ist das eben.“

C&H: Bist du dann auch über Nacht weg?

KB: „Das hab ich früher öfter gemacht, heute eher weniger. Ein Tag Kurs ist für die Pferde genug. So ein Kurstag ist lang für Pferde.“

C&H: Wie läuft so ein Kurstag ab? Was machst du da? 

KB: „Je nachdem was sich die Leute wünschen. Manchmal ist es die Arbeit im Roundpen, manchmal legen wir den Schwerpunkt aufs Verladetraining. Vor kurzem haben sich die Leute gewünscht, die Pferde auf die Arbeit mit dem Lasso vorzubereiten, dann haben wir das gemacht. Ein paar Würfe zum Beispiel, oder etwas hinter sich herziehen. Dafür muss man die Pferde ja auch fit machen. Andererseits müssen sie auch reagieren lernen – am Ende vom Lasso ist ja theoretisch das Rind. Das möchtest du ja nicht köpfen. Darauf musst du dein Pferd erstmal ausbilden. Da fängt man dann erstmal zum Beispiel mit einer Stange an.“

Er erzählt von seinen Erfahrungen bei Jeff Sanders; von viel Üben mit Seitengängen und von der Arbeit mit – vorerst – imaginären Rindern (also Stangen), die einzufangen und an einen bestimmten Platz zu bringen sind. Während des Zuhörens bin ich erstaunt, denn der bisher so ruhige Pferdemann steht auf, gestikuliert und läuft vor mir die beschriebenen Wege ab. Die Begeisterung an der Sache ist ihm deutlich anzusehen. Er zeigt und beschreibt mir die Herausforderung, das Rind (also die Stange) korrekt zu dirigieren und macht mir klar, dass dafür ein gutes Gespür vonnöten ist: das Seil darf weder zu fest noch zu locker spannen, sonst ist wird das Rind entweder gequält oder befreit. Ich bin kurzzeitig von meiner eigenen inneren Reaktion überrascht. Bisher fand ich die Arbeit mit Rindern immer ein wenig befremdlich, aber während ich mich in das hineinversetze, was Kurt mir erzählt – und mir heimlich vorstelle, wie das wohl mit Tiziano ablaufen würde -, entdecke ich eine gewisse Faszination dafür. Es hat schon seinen Reiz, sich auf zwei Tiere abstimmen und sie in Einklang bringen zu müssen.

Wie bereits vorher im Gespräch über Steve Halfpenny erwähnt Kurt auch hier, dass Jeff Sanders Wert darauf legt, dass alles „nice and easy“, also locker und stressfrei abläuft. Ohne laute Worte und Hektik, ohne Druck. Davon bin ich am meisten beeindruckt, weil ich bisher solche Szenen meist mit erheblichem Stress mindestens für das Pferd in Verbindung gebracht habe. Die Tatsache, dass Kurt sich so betont an Vorbildern orientiert, die dem so großen Wert beimessen, spricht in meinen Augen sehr für ihn. Er erklärt mir, wie man durch Schulterherein und Kruppeherein eine Rinderherde ohne jegliche Aggression kontrollieren könne, und spätestens jetzt beschließe ich, mich mit der Materie auseinanderzusetzen. Offenbar steckt sehr viel mehr dahinter, als ich es bisher vermutet habe.

Klassische Bodenarbeit zweckgebunden und mit „mehr Sinn“. Übungen wie Schulterherein oder Seitengänge kenne ich von früher als reiterliche Disziplinen, die man „halt können sollte“. Bodenarbeit kannte ich bis vor einigen Jahren nur aus Büchern. Kurt führt zurecht an, dass man sie eigentlich überall braucht, egal, welches Ziel man hat:

KB: „Du willst dein Pferd ja auf jeden Fall gesund erhalten und fit machen, damit es dich tragen kann. Bodenarbeit wird dafür auf jeden Fall gebraucht. Es gibt nur wenige Reiter auf der Welt, die das wirklich vom Sattel aus machen können. Ray Hunt war zum Beispiel so einer. Der hatte so ein Händchen für Pferde, so ein Feeling. Den hab ich in Belgien auf einem Wochenendkurs gesehen. Da ritt eine Frau auf einem jungen Pferd, das immer nach vorn pushte. Ray fragte, ob er sich mal draufsetzen könne, da war er schon etwa 70 Jahre alt. Er untersagte dem Pferd das Vorwärtspreschen. Daraufhin schoss es rückwärts. Das sah aus als ob die sich gleich überschlagen. Aber sein Timing war gut, er gab immer sofort nach, wenn das Pferd nachgab. Nach kürzester Zeit wurden aus 10 Metern Rückwärtsrennen nur noch 2 Meter. Plötzlich hatte er das Pferd, hatte Durchlässigkeit, seitliche Biegungen, alles. Das Pferd lief einfach völlig professionell. Das ganze dauerte keine Minute. Es gibt einfach nicht viele Leute, die das können.“

C&H: Das heißt du bildest dich auch nach wie vor weiter, was das Pferdetraining betrifft? 

KB: „Ja, normalerweise gehe ich auf Seminare zu verschiedenen Leuten und immer wieder auch zurück zu Steve.“

Mir fällt plötzlich ein, dass ich ihn unbedingt noch nach der Hackamore – / Bosalreiterei fragen wollte. Insbesondere nach dem Warum, denn auch die Hackamore kannte ich bisher nur von Bildern und Videos, bevor ich sie bei Kurt in der Anwendung sah.

KB: „Zum einen hast du natürlich kein Gebiss drin. Was aber noch ein riesen Vorteil ist, ist folgendes. Wenn du die Hackamore falsch bedienst, wird dein Pferd sofort in diesem Moment schwer. Wenn du ziehst oder zu viel Druck machst, hast du direkt verloren. Du hast also ein sehr schnelles Feedback. Und das geht eben nicht über Schmerzen.“

Hast du Pläne für die Zukunft?

KB: „So weitermachen. Das eigene Horsemanship und die eigene Reiterei verbessern. Und vielleicht irgendwann ein eigenes Häuschen mit Pferden.“

Ich denke für mich, dass noch nie jemand auf meine Frage nach Zukunftsplänen „so weitermachen“ und „verbessern“ geantwortet hat. Vielleicht ist das sein Erfolgsgeheimnis und auch das, was Kurt seine ruhige Ausstrahlung verleiht: die Gewissheit, das Richtige im Leben gefunden zu haben und dabei den Weg zum Ziel zu erklären. Und der Weg mit Pferden ist nun einmal immer und in jeder Reitweise ein faszinierender.

 

Wenn ihr mehr über Kurt, seine Arbeitsweise und seine Angebote erfahren möchtet, schreibt ihm einfach unter:

kurt.blickensdoerfer@web.de